CreatingAIDaily
Wissen

Wer bildet die Prüfer aus?

Von Ulrike Liselotte Monnerie, MAVeröffentlicht Zuletzt aktualisiert

Die KI übernimmt gerade die Arbeit, an der Berufseinsteiger ihr Urteil lernen: den Rohschnitt, den ersten Entwurf. Studien von Stanford und EY Österreich zeigen weniger Einstiegsjobs und wenig Vertrauen in die Prüffähigkeit der eigenen Leute. Je menschlicher die Maschine wirkt, desto mehr Erfahrung braucht der Prüfer. Wer morgen KI-Ergebnisse beurteilen soll, braucht heute eigene Übungsarbeit.

„More human than human“ war das Motto der Tyrell Corporation. Heute bauen wir diese Maschinen, und uns gehen die Leute aus, die sie prüfen können.

Auge hinter einem Messraster, darauf die Frage: Wer prüft morgen die Maschine?

Blade Runner, nach Philip K. Dicks Roman „Do Androids Dream of Electric Sheep?“, ist eine meiner Lieblingsgeschichten. Darin unterscheidet ein Prüfer mit dem Voight-Kampff-Test Mensch und Maschine. Normalerweise reichen Deckard zwanzig, dreißig Fragen. Bei Rachael, die selbst nicht weiß, dass sie eine Replikantin ist, braucht er über hundert. Je menschlicher die Maschine wirkt, desto mehr Erfahrung braucht der Prüfer.

Mein eigenes Urteil habe ich überall auf dieselbe Weise gelernt, durch Selbermachen: im Editorial-Design, im Webdesign, in der Forschung für meine Masterarbeit und im Werbefilm, wo ich selbst geschnitten habe, bis ich sah, welcher Take letztendlich der beste ist. Als Regisseurin am Set musste ich dieselbe Entscheidung dann schnell treffen. Das ging nur, weil ich sie vorher hundertmal selbst getroffen hatte.

Und jetzt kommt der Punkt, der mich beschäftigt.

Die Arbeit, an der man dieses Hinschauen lernt, übernimmt gerade die KI: der Rohschnitt, der erste Entwurf. Laut einer Stanford-Studie¹ liegen 22- bis 25-Jährige in KI-nahen Berufen 19 Prozent unter dem erwarteten Beschäftigungspfad, Ältere dagegen nicht. Gleichzeitig trauen im KI Readiness Check von EY Österreich nur 25 Prozent der Befragten ihren Leuten zu, KI-Ergebnisse korrekt zu interpretieren.²

Die Prüfer von morgen verlieren also gerade ihren Übungsplatz.

Abgeben kostet mich nichts, solange es das Lästige ist. Das Schöpferische oder Ureigenste jedes Menschen möchte ich nicht abgeben, und es darf auch nicht abgegeben werden. Aber wo ist die Grenze? Wer kann noch vergleichen, wo KI schlechter ist, wenn man es selber nicht gelernt hat?

Das Bild hat allerdings eine zweite Seite. In einer Studie mit Kundenservice-Teams³ legten mit KI die Unerfahrensten am stärksten zu, um 34 Prozent. Schneller arbeiten heißt aber noch nicht, beurteilen zu können, ob das Ergebnis stimmt.

Im Work Trend Index von Microsoft⁴ arbeiten 43 Prozent der Frontier Professionals bewusst auch ohne KI, damit ihre Fähigkeiten nicht verkümmern. Das EY Center for Board Matters schreibt: „Reduce entry-level work, not entry-level talent.“⁵ Wie das im Alltag einer Abteilung aussieht, ist für mich die eigentliche Arbeit der nächsten Jahre.

Die KI kann den Take liefern. Ob er wirklich gut ist, muss jemand sehen gelernt haben.

Woran hast du dein Urteil gelernt, und gibt es diese Arbeit in deinem Team noch?

Quellen: ¹ Stanford 2026 · ² EY Österreich 2026 · ³ NBER 2023 · ⁴ Microsoft 2026 · ⁵ EY Board Matters 2026

(Bild: ChatGPT)

Quellen

  1. Brynjolfsson, Chandar, Chen: Canaries in the Coal Mine?, Stanford Digital Economy Lab, August 2026
  2. EY Österreich: KI Readiness Check 2026
  3. Brynjolfsson, Li, Raymond: Generative AI at Work, NBER Working Paper 31161, 2023
  4. Microsoft: Work Trend Index 2026, Agents, human agency, and the opportunity for every organization
  5. EY Center for Board Matters: How boards can lead in a world remade by AI, 2026

Diskussion